Nationalsozialismus
  
Obwohl der Nationalsozialismus antichristlich war, machte erst der christliche Antisemitismus den Holocaust möglich. Hitler und die Nazis proklamierten einen "arischen", nichtjüdischen Christus, um die Christen auf ihre Seite zu ziehen. In der katholischen antijüdischen Gesetzgebung des Mittelalters fanden sie ein Modell für ihr Vorhaben, und sie lasen und verbreiteten Martin Luthers vergiftende antijüdischen Schriften. Es ist aufschlußreich, daß der Holocaust in dem einzigen größeren Land Europas entfesselt wurde, das etwa den gleichen Anteil Katholiken und Protestanten hat. Beide kirchlichen Traditionen waren geschwängert mit Judenhaß.(63)

Die Kirchen und die meisten ihrer Amtsträger kollaborierten offen mit den Nazis.(64) Kirchenleitungen erließen gemeinsame Erklärungen, in denen sie die menschenverachtenden Gesetze der Nazis gegen die Juden ausdrücklich billigten und sich dabei zum Teil auch auf Luther beriefen.(65) Als deutsche Kirchenmänner 1936 persönlich bei Hitler gegen die Mißhandlung der Juden protestierten, wurden sie kurz abgefertigt: "Was beschwert ihr euch? Ich befolge nur, was ihr jahrhundertelang gelehrt habt!"(66)

So war es sicher kein Zufall, daß die Synagogen in Deutschland ausgerechnet in der Nacht zu Luthers 455. Geburtstag brannten (9./10. November 1938). In jener Nacht, die als "Reichskristallnacht" in die Geschichte einging, verwirklichten die Nazis in einer sorgfältig geplanten und großangelegten Aktion, was Luther einst empfohlen hatte.(67) Wenn auch immer wieder einzelne Christen den Juden halfen, die beiden Großkirchen taten es im allgemeinen nicht.
Der Zweite Weltkrieg
  
Selbst als der Nationalsozialismus auf der Höhe seiner Macht war und unaussprechliche Greueltaten offenbar wurden, stand nur eine beschämend kleine Minderheit den Juden zur Seite. Sie waren allein gelassen in der Stunde ihrer größten Not. Auch die meisten Staaten unternahmen offiziell nichts - man wollte die Juden nicht. Jahrhundertelanger Antisemitismus forderte seinen Tribut.

Beim Ulmer Einsatzkommandoprozeß (1958) wurde ein ehemaliger litauischer Pfarrer gefragt, warum er zu den entsetzlichen Erschießungen, die er miterlebte, geschwiegen habe. Er sagte, er habe gemeint, nun erfülle sich an den Juden das Wort: "Sein Blut komme über uns und unsere Kinder."(68)
So erschreckend es ist, daß diese Bibelstelle gebraucht werden konnte, solche Gefühlskälte zu rechtfertigen - ähnliche Gedanken haben auch Christen anderer Nationalität zum Ausdruck gebracht.
Ein päpstlicher Nuntius, der gebeten wurde, gegen die Deportationen aus der Slowakei nach Auschwitz einzuschreiten, weil so viel unschuldiges Blut jüdischer Kinder vergossen werde, antwortete ungerührt: "Es gibt kein unschuldiges Blut jüdischer Kinder in der Welt. Alles jüdische Blut ist schuldbeladen. Ihr müßt sterben. Das ist die Strafe, die ihr durch diese Sünde [die Kreuzigung Jesu] auf euch geladen habt."(69)

Als man den wohl schlimmsten Judenhetzer des Dritten Reiches, Julius Streicher, beim Prozeß vor dem Internationalen Gerichtshof in Nürnberg vernahm, sagte er: "Dr. Martin Luther säße heute an meiner Stelle auf der Anklagebank, wenn dies Buch von der Anklagevertretung in Betracht gezogen würde. In dem Buch Die Juden und ihre Lügen schreibt Dr. Martin Luther, die Juden seien ein Schlangengezüchte, man solle ihre Synagogen niederbrennen, man solle sie vernichten ... Genau das haben wir getan!"(70)

Die Schweiz schloß ihre Grenzen. Kanada und Amerika hatten so strenge Einwanderungsbestimmungen, daß vielen Juden der Weg dorthin verschlossen war. Die britische Regierung nahm die 1917 in der Balfour-Erklärung gegebene Zusage zurück, den Juden im damaligen Mandatsgebiet Palästina eine nationale Heimstätte zu schaffen. Tausenden von fliehenden Juden, die während des Dritten Reichs oder kurz danach im Land ihrer Väter Zuflucht suchten, blieben die Türen verschlossen.

In diesem Zusammenhang muß auch die Tragödie der "Struma" erwähnt werden. Weil die Briten das vollbesetzte Schiff nicht in Palästina landen ließen, mußte es abdrehen und geriet im Winter 1942 im Schwarzen Meer unter Torpedobeschuß. Nur einer der 769 Flüchtlinge an Bord überlebte.                     Gleichgültig und passiv 

Die Gleichgültigkeit und Passivität fast aller Nationen am Vorabend des Zweiten Weltkriegs hat entscheidend dazu beigetragen, daß Hitler die von ihm geplante Massenvernichtung der Juden ungehindert durchführen konnte.
Im Juli 1938 hatte Präsident Roosevelt eine Flüchtlingskonferenz nach Evian-les-Bains in Frankreich einberufen, um über das Schicksal der europäischen Juden zu beraten. Das Ergebnis war enttäuschend: Von den dreißig dort vertretenen Nationen waren im Grunde nur Dänemark und die Niederlande bereit, einige tausend Juden aufzunehmen. Alle anderen stellten so viele Bedingungen, daß kaum einer der Flüchtlinge sie erfüllen konnte. Nazispione ließen Hitler wissen: "Machen Sie mit den Juden, was Sie wollen; niemand will sie haben."(71)
Vier Monate später begann die entsetzliche Verfolgung, die 6 Millionen Juden das Leben kostete.

 

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